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Geschichte des Mainzer Klosters der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung

Geht man mit offenen und suchenden Augen durch die Mainzer Innenstadt, so kann man auf einer relativ kleinen Fläche nicht weniger als drei verschiedene Klara-Figuren entdecken:
In der Reichklarastraße an der Außenwand der Reichklarakirche, in welcher seit 1906 das Naturhistorische Museum untergebracht ist; in der Klarastraße über dem Eingang des heutigen Institutes für Kirchenmusik; und in der Gymnasiumstraße 7 an der Außenwand der Kapelle St. Klara.
Mainz – eine Stadt der Klara-Töchter!?!


Das Reichklarakloster (1272–1781/82)
Tatsächlich kamen schon 1272, also lediglich 19 Jahre nach dem Tode Klaras von Assisi, die ersten Klara-Töchter – also Klarissen – vom Kloster Pfullingen nach Mainz, wo sie mithilfe großzügiger, zum Teil adeliger Wohltäter das
im Spätmittelalter wohl vornehmste der zahlreichen Mainzer Frauenklöster gründeten. Da das Kloster getreu der Tradition von Pfullingen die gemäßigte und besitzfreundliche Regel des Papstes Urban IV. angenommen hatte, konnte es durch zahlreiche Schenkungen seinen Besitz und seine beträchtlichen Einnahmen allmählich vermehren und zu großem Wohlstand gelangen. Auch traten nicht wenige adelige und reiche Frauen aus Patrizierfamilien ein,
in der Jugendzeit des wohl bekanntesten Mainzer Sohnes – Johannes (Gensfleisch) Gutenberg – sogar zwei Frauen namens Gensfleisch, offenbar aus dessen Verwandtschaft. Gerade dieser Reichtum (von daher »Reichklaren«) wurde den in Mainz recht beliebten Klarissen 510 Jahre nach ihrer Gründung zum Verhängnis: Zusammen mit zwei weiteren Klöstern wurde das Reichklara­kloster auf Antrag des Mainzer Kurfürsten 1781 der lukrativen hohen Einnahmen wegen zugunsten der Universität Mainz von Papst Pius VI. aufgehoben. Die Schwestern wurden 1782 auf drei Klöster der Umgebung verteilt (Zisterzienserinnen, Welsch­nonnen und Reuerinnen), ohne etwas von ihrem Hab und Gut retten zu können.

Heute existiert von den ehemaligen Klostergebäuden nur noch die vom Naturhistorischen Museum zweckentfremdete Kirche. Immerhin grüßt an deren Außenmauer eine einsame Klara-Statue aus Sandstein jeden vorbeiziehenden Fußgänger und erinnert an die wechselvolle Geschichte der einst so bedeutenden Mainzer Klarissen.


Das Armklarakloster St. Antonius (1620–1802)
Während genau 162 Jahren gab es in Mainz gleichzeitig zwei Klarissenklöster, denn 1619 holten die ansässigen Franziskaner fünf Schwestern aus dem Kölner Klarissenkloster/Glockengasse in ihre Bischofsstadt, welche dann im August 1620 das ehemalige Antoniterkloster beziehen konnten. Die Gründungsschwestern – drei von ihnen waren übrigens gebürtige Mainzerinnen – pflanzten die strengere Originalregel
der Ordensgründerin Klara in Mainz ein, die keinerlei Besitz oder feste Einnahmen erlaubt, von daher der Name der »Armklaren« im Gegensatz zu dem bereits bestehenden Kloster der »Reichklaren«.

Während der 180 Jahre des Bestehens dieses in Mainz ebenfalls sehr beliebten Klosters legten insgesamt 163 Schwestern ihre Gelübde auf die Regel der heiligen Klara ab, darunter erstaunlicherweise sehr viele adelige bzw. aus vornehmen rheinischen Geschlechtern stammende Frauen. Wie aus dem erhaltenen Nekrologbuch zu ersehen ist, war für viele von ihnen der Wechsel von der üppigen barocken Hofhaltung zu der armen Lebensweise der Klarissen für gewöhnlich nur ein oder höchstens zwei Jahrzehnte durchzuhalten. Die Strenge dieses Lebens zog sehr viele, vorwiegend junge Frauen (häufig unter 20 Jahren) an und bescherte dem Kloster eine hohe Wertschätzung der Mainzer Bevölkerung.

Für gewöhnlich bestand der Konvent aus 20 bis 30 Schwestern, im Jahr 1802 sind es dann 18 Klarissen, die wegen der Aufhebung ihres Klosters während der Koalitionskriege ihr geliebtes Kloster verlassen müssen und sich auf verschiedene Privathäuser in Mainz und Umgebung verteilen. Die letzte dieser Schwestern, Klara Theresia Dietz, starb im Jahr 1859.

Das Kloster selbst wurde Staatseigentum, nach der Zerstörung 1945 wurden nur noch der Klosterflügel an der Klarastraße mit dem augenfälligen Portal und der Klara-Figur aus dem Jahr 1726 wieder aufgebaut und die stark beschädigte St. Antoniuskapelle mit den einzigartigen Deckengemälden aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und der gewaltigen Nonnenempore grundlegend restauriert.
Seit 1966 ist das Bischöfliche Institut für Kirchenmusik dort untergebracht, welches auf der Nonnenempore eine beachtliche Orgel installieren ließ.
Ist es nicht eine wunderbare Fügung, dass in den zurückliegenden Jahren nicht weniger als drei gegenwärtige Klara-Töchter aus der Gymnasiumstraße 7 zur Absolvierung der kirchenmusikalischen C-Ausbildung regelmäßig dieses Portal durchschritten und nicht selten zur auf sie herabblickenden Klara-Figur aufschauten, regelmäßig auf der so vertrauten Nonnenempore die Orgel traktierten und dort ihre Abschlussprüfung (erfolgreich) ablegten?


Das Kloster der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung
Die dritte Mainzer Klara-Statue führt uns in die Gymnasiumstraße, sieben Minuten Fußweg von der Reichklarastraße und vier Minuten von der Klarastraße entfernt. Diese holzgeschnitzte Figur steht erhöht an der Außenwand der Kapelle St. Klara, welche zum Kloster der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung gehört. Dieses ist das älteste der derzeit drei kontemplativen Frauenklöster des Bistums Mainz, als Erstes nach der schweren Zeit der Säkularisation gegründet.


Die Gründung des »Mainzer Klösterchens«
Wie kam es zur recht frühen Neugründung eines kontemplativen Klosters mitten in der Stadt Mainz, zum Anbetungskloster Maria Hilf, welches die Mainzer bald liebevoll »unser Klösterchen« nannten?

»Das alte katholische Mainz ist tief herunter«, schrieb der Kölner Kardinal Johannes von Geissel im Jahr 1850. Nur ein einziger Orden hatte die Zeit der Säkularisation überstanden, nämlich die Maria-Ward-Schwestern (heute CJ), die seit 1752 an den Mädchenschulen wirkten und von daher nicht aufgelöst worden waren – zu ihnen kamen übrigens nach der Auflösung des Armklaraklosters einige gerettete »Kostbarkeiten«, darunter die Chronik des Klarissenklosters, das Nekrologbuch und ein Teil der Bibliothek. Unter Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der von 1850 bis zu seinem Tod 1877 Mainzer Bischof war und sein Bistum von Grund auf reformierte, entstanden als Folge der Erneuerung des religiösen Lebens zahlreiche religiöse Gemeinschaften, die sich vor allem den Werken der christlichen Nächstenliebe widmeten. Bischof Ketteler rief ferner 1853 die vertriebenen Kapuziner nach Mainz zurück, darunter auch sein leiblicher Bruder Richard (Pater Bonaventura). Dessen Freund und Mitbruder Pater Bonifatius Söngen war es ein Herzensanliegen, seiner Vaterstadt Mainz endlich wieder zu einem beschaulichen Kloster zu verhelfen – schließlich kann Mainz in Bezug auf beschauliche Ordensgemeinschaften auf eine sehr lange und reiche Tradition zurückblicken. Als Kapuziner schwebte ihm verständlicherweise der weibliche Zweig seines Ordens vor, allerdings in der kontemplativ geprägten Variante mit Ewiger Anbetung, um »durch die ewige Anbetung des allerheiligsten Altarssakramentes dem allmächtigen Gott, soweit dies uns armen Menschen möglich ist, jene Ehre zurückzugeben, die ihm der Geist des Unglaubens und der Gottlosigkeit unserer Tage ohne Unterlass zu entziehen sucht« (aus der Chronik der Mainzer Klarissen-Kapuzinerinnen).

In einem seiner Beichtkinder fand Pater Bonifatius bald eine für sein Vorhaben bereite und geeignete Seele: die fromme Mainzer Bürgerstochter Anna Mühr. Schon mit 18 Jahren leitete sie eine Nähschule und war seit langem auf der Suche nach einem geistlichen Ort. Am 4. Oktober 1856 begann sie nun mit einigen gleichgesinnten Frauen, im Kirschgarten 127 nach der sogenannten Dritten Ordensregel des heiligen Franziskus zu leben. Unter der Fürsorge von Pater Bonifatius bereiteten sie sich intensiv auf das spätere Leben im Anbetungskloster vor, 1858 wechselten sie in das angekaufte Anwesen in der Gymnasiumstraße 7, das für einen Klosterumbau besser geeignet war. Um den Frauen aber eine solide klösterliche Grundlage zu ermöglichen, schickten Pater Bonifatius und Bischof Ketteler, welcher der sich neu entwickelnden Gemeinschaft zunächst zurückhaltend und prüfend gegenübergestanden hatte, Anna Mühr und Margarete Stentz in das Schweizer Kapuzinerinnenkloster in Notkersegg zu den Schwestern vom regulierten Dritten Orden des heiligen Franziskus, die seit 1776 die Ewige Anbetung pflegten. Dort absolvierten die beiden Kandidatinnen ihr kanonisches Noviziat und durften am 31. Mai 1860 auf das zu gründende Mainzer Kloster ihre Ewigen Gelübde ablegen; eine dritte Mainzerin empfing am selben Tag das Ordens­kleid und kehrte als Novizin namens Sr. M. Aloisia mit den beiden Professschwestern Sr. M. Mechthildis (ehemals Anna Mühr) und Sr. M. Franziska (ehemals Margareta Stentz) am 20. Juni 1860 in die Heimatstadt zurück.

Einen Tag später, am 21. Juni 1860, wurde das neue Kloster der Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung namens Maria Hilf feierlich eingeweiht und die Ewige Anbetung des Allerheiligsten Altarsakramentes begonnen, die bis zum 27. Februar 1945 Tag und Nacht ununterbrochen fortgesetzt wurde.


Von der Gründung 1860 bis zur Zerstörung 1945
In Bischof Ketteler fanden die Anbetungsschwestern schnell einen väterlichen Freund, da dieser den Auftrag der Schwestern, für ihn als Oberhirten, für das Bistum und die Stadt Mainz den Segen Gottes zu erbitten, sehr hoch schätzte. Er suchte die Klosterkapelle sehr gerne auf und bezeichnete das »Klösterchen« als eine Stütze und die Zierde seiner geliebten Diözese. Einmal nach dem Grund seiner häufigen Besuche gefragt, gab der Bischof zur Antwort: »Hier sind die Wände so warm gebetet!« Schon im Oktober 1860 hatte er selbst die Einkleidung von fünf Schwestern vorgenommen und behielt sich dieses »Recht« ebenso wie das der Profess-ablegung bis zu seinem Tod 1877 persönlich vor. Besonders schön in der Chronik zu lesen ist von einem Besuch nach einer Gelübdeablegung im Juli 1867, bei welchem der Bischof den Schwestern während des gemeinsamen Frühstücks ganz begeistert von seiner Romreise erzählte, auf der er auch San Damiano und Portiunkula in Assisi besucht hatte. Als er die freudige Begeisterung auf den Gesichtern der Schwestern bemerkte, versprach er ihnen eine Reliquie der großen Heiligen von Assisi, die dann tatsächlich pünktlich am Festtag der heiligen Klara den Schwestern überbracht und von ihnen äußerst freudig in Empfang genommen wurde.

Noch waren sie als Kapuzinerinnen Schwestern des regulierten Dritten Ordens des Franziskus und wurden von den ansässigen Kapuzinerbrüdern seelsorglich betreut. Doch ihre starke kontemplative Ausrichtung und die Verehrung der heiligen Klara bereiteten sie allmählich auf den erst ca. 100 Jahre später vollzogenen Wechsel in den Zweiten Orden mit der ­Klara-Regel vor. Und schon nachdem sie 1878 ihre Statuten geändert und damit das römische Stundengebet als verpflichtend eingeführt hatten und vor allem als ihnen von Rom 1909 die päpstliche Klausur nun auch offiziell bestätigt und die Ablegung der Feierlichen Gelübde mit vorausgehenden dreijährigen einfachen Gelübden gewährt wurde, waren sie dem Zweiten Orden, also den Klarissen, so gut wie gleichgestellt.

Dies wird auch durch die Anfangszeilen der Mainzer Konstitutionen deutlich. Denn dort heißt es: »Alle Schwestern beteiligen sich auf gleiche Weise an der Ewigen Anbetung. Nicht nur die Schwestern, denen gerade die eigentliche Anbetung obliegt, versehen das Amt der Anbeterin, sondern all unser Tun und Lassen, alles dient zur Verherrlichung des Altarsakramentes.« Erinnert dies – unabhängig vom konkreten Bezug auf die Anbetung – nicht an die Worte aus der Klara-Regel »Die Schwestern … sollen … treu und hingebungsvoll arbeiten, … so dass sie unter Ausschluss des Müßiggangs den Geist heiligen Gebetes und der Hingabe nicht auslöschen.«? Von daher verwundert es nicht, in der Chronik immer wieder zu lesen, dass die Schwestern bei gemeinsamen Arbeiten miteinander beteten und sangen, um eben den Geist des Gebetes, wie Klara es ausdrückt, nicht auszulöschen oder, um mit den eigenen Worten der Schwestern zu sprechen, weil »das ganze Tagewerk ein beständiger Wandel vor dem Angesicht unseres Heilandes ist«.

Im Übrigen bestand das Tagewerk der Schwestern neben den üblichen Haus- und Gartenarbeiten, die sie allesamt selber verrichteten, hauptsächlich aus der Besorgung fremder Kirchenwäsche, der kunstfertigen Paramentenstickerei (es wurde viel für die Mainzer Domsakristei gefertigt und sogar eine Kasel nach Rom zu Papst Leo XIII. geschickt) und der Herstellung von Hostien für viele Kirchengemeinden (eine ganz besonders beliebte Beschäftigung der Gemeinschaft). Außerdem ist in der Chronik sehr häufig von »Exerzitien für Weltleute« zu lesen, die von einer Schwester abgehalten wurden. Darüber hinaus betätigten sich Schwestern auch schriftstellerisch, ohne jedoch mit ihrem Namen in Erscheinung zu treten.
Da das Kloster einen schnellen und starken Zuwachs verzeichnen konnte (sechs Jahre nach der Gründung schon 21 Schwestern und bald darauf durchgängig zwischen 50 und 60 Schwestern), konnte im Jahr 1867 eine ganz im Vertrauen auf Gottes Mithilfe errichtete neugotische Kapelle von Bischof Ketteler eingeweiht werden, welche bis zu ihrer Zerstörung 1945 das Herzstück der Klostergemeinde und vieler gläubiger Mainzer war.
Schienen die Anbetungsschwestern während des Kulturkampfes schon zum Aussterben verurteilt, so erlebten sie bald darauf, nachdem sie mit großer Entschlossenheit und zuversichtlichem Durchhaltevermögen dem starken Sturm getrotzt hatten, eine große Blütezeit. Zwei weitere angrenzende Grundstücke (Gymnasiumstraße 5 und Emmeransstraße 8) konnten erworben werden, um der immer größer werdenden Schwesternzahl und der sich vergrößernden Hostienbäckerei Platz zu schaffen. 1903 konnte sogar mit zehn Schwestern eine Töchtergründung des Klosters Bethlehem in Koblenz-Pfaffendorf unter der Leitung der Äbtissin Mutter M. Ignatia von Hertling vorgenommen werden. Von dort erfolgte weiterhin 1930/32 unter Beteiligung zweier Mainzer Kapuzinerinnen eine Neugründung in Melville/Südafrika und von dort wiederum 1953 eine Gründung in Swellendam/Kapprovinz.

Den Ersten Weltkrieg erlebte das Kloster wie alle anderen Menschen auch: Lebensmittelknappheit, Gassperre (besonders bedrohlich für die Hostienbäckerei), Fliegeralarme, Einquartierungen, Not und viel Unruhe und Schwierigkeiten, auch in finanzieller Hinsicht, vor allem auch durch die Inflation. Doch auch diese Zeit überstand die Gemeinschaft unbeschadet, weiterhin ihrer Berufung als Ewige Anbeterinnen treu bleibend.
Die erste einschneidende Veränderung im Klosterleben während des Zweiten Weltkrieges erfolgte dann 1941, als das gesamte Kloster in ein Art Fabrik umfunktioniert wurde, da alle Schwestern zu je acht Stunden täglicher Heimarbeit verpflichtet wurden. Aber immerhin durften sie (zusammen-)bleiben und fertigten im Laufe der Zeit über 17 Millionen Dochthalter und 8 Millionen Fliegenfänger – und das alles neben dem uneingeschränkten Dienst der Anbetung und der Arbeit in der Hostienbäckerei.
Während dieser Kriegszeit beteten die Schwestern unter anderem immer wieder miteinander die Worte: »Ich will deinen Willen erfüllen, was es mich auch kosten mag, bis zur Hingabe meines Blutes, wenn mein Blut nicht für unwürdig erachtet würde, zu deiner Ehre vergossen zu werden.« Außerdem ist belegt, dass sich der Konvent ganz konkret als Sühneopfer für die Stadt angeboten hat.

Für das anbrechende Jahr 1945 gab die Äbtissin ihren Mitschwestern das Wort mit auf den Weg: »Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn!« (Röm 14,8) Am Abend des 26. Februar dieses Jahres sang dann die Gemeinschaft am Ende ihrer letzten täglichen, öffentlichen Segensandacht, ganz entgegen ihrer Gewohnheit, die dritte Strophe ihres geliebten Marienliedes »Segne du Maria unsere letzte Stund’, süße Trostesworte flüstre dann dein Mund. Deine Hand, die milde, drück das Aug uns zu; sei im Tod und Leben unser Segen du!«
Einen Tag später sollte für 41 Schwestern die Ewige Anbetung im Himmel beginnen …
Einzig die Statuen der heiligen Klara und des heiligen Franziskus, die auf dem Altar im Gewölbekeller aufgestellt waren und später einen neuen Platz im Refektorium des wiederaufgebauten Klosters gefunden haben, waren Augenzeugen, als der Bräutigam den um den Altar knienden Jungfrauen entgegenschritt.

Was genau an diesem denkwürdigen Tag geschah, ist im nachfolgend abgedruckten Bericht nachzulesen, der 1945 von Herrn Dr. Schuchert nach Augenzeugenberichten verfasst wurde.


Der Neubeginn nach 1945 – Die »Ewige Anbetung«
Neun evakuierte Schwestern und drei Überlebende – und ein völlig zerstörtes Kloster inmitten einer zu mehr als 80 Prozent zerstörten Stadt. Würde es an alter Stelle, quasi neben dem Grab der 41 Mitschwestern, ein neues Kloster der Ewigen Anbetung geben können? Gab es da noch Hoffnung auf eine Zukunft?!

Gott sei Dank waren da der Bischof und das Bischöfliche Ordinariat, die den Schwestern hilfreich zur Seite standen. Gott sei Dank gab es die Kapuzinerbrüder, die sich für die Schwestern einsetzten. Gott sei Dank ließ das Schicksal des zerstörten »Mainzer Klösterchens« viele Mainzer Bürger und darüber hinaus viele Menschen von nah und fern zu tatkräftigen Helfern werden.

Gott sei Dank kann ER nicht nur Berge versetzen, sondern auch Totes wieder lebendig machen!

Zwei Schwestern blieben in Mainz im Maria-Hilf-Stift bei den Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, wo sie in deren Kapelle, unterstützt von Mainzer Mitbetern, die Anbetung weiter pflegen konnten. Die restlichen Schwestern fanden drei Jahre lang bei den Schwestern der St. Josefskongregation in Ursberg Zuflucht. Ihnen gesellte sich schon knapp zwei Monate nach Kriegsende eine mutige, fromme Seele hinzu, die den Schritt nicht scheute, in die Gemeinschaft eines nicht mehr existierenden Klosters einzutreten und gemeinsam mit ihnen in eine völlig ungewisse Zukunft zu gehen, ganz im Vertrauen auf SEINE Führung. Wie hätte diese 21-jährige junge Frau, der die Naziregierung 1943 ihren ersehnten Eintritt nicht erlaubt hatte, ahnen können, dass sie späterhin als Novizenmeisterin, Ökonomin, Sekretärin, Vikarin und gar als Äbtissin die Geschicke des Klosters derartig mitlenken würde und dass sie 65 Jahre nach ihrem Eintritt froh und dankbar das 150-jährige Klosterjubiläum würde mitfeiern können?

1948 durften die Schwestern aus Ursberg, inzwischen durch eine Erstprofessin, eine Novizin und eine Postulantin verstärkt, endlich wieder nach Mainz heimkehren – hatte ihnen Bischof Stohr doch zur Auflage gemacht, erst dann nach Mainz zurückkehren und mit dem Wiederaufbau ihres Klosters beginnen zu dürfen, wenn die größte Wohnungsnot in Mainz behoben wäre und kein Mainzer mehr in einem Keller zu wohnen bräuchte. Auch sie wurden vom Maria-Hilf-Stift freundlich aufgenommen und fühlten sich dort im vertrauten Anbetungsdienst wieder ein Stück zu Hause, zumal auf dem Altar ihre ihnen so wohlbekannten beiden Statuen der heiligen Klara und des heiligen Franziskus standen, die die Schwestern 1945 auch schon in den geschichtsträchtigen Gewölbekeller begleitet hatten.

Mit Erlaubnis des Bischofs durften die völlig mittellosen Schwestern an den Wochenenden in den Pfarreien des Bistums kollektieren gehen, um für den Wiederaufbau ihres Klosters das nötige Startkapital zusammenzubekommen. Eine Schwester, die während des Krieges mit ihren Mitschwestern aus ihrem Salzburger Kloster vertrieben worden war und in Mainz eine neue Heimat gefunden hatte, reiste gar bis in die Schweiz, wo sie auf das große Wohlwollen sehr vieler Wohltäter stieß, darunter auch nicht wenige Kapuzinerinnenklöster. So dauerte es ganze vier Jahre lang, bis die Schwesterngemeinschaft 1952 endlich den ersten neu errichteten Bauabschnitt beziehen und in der Notkapelle (dem heutigen Refektorium) ihren ersten Gottesdienst am Samstag vor Pfingsten feiern konnte. – Sie waren wieder zu Hause, sieben Jahre nach der totalen Zerstörung! –
Wiederum dauerte es vier Jahre, bis nach vielem Kollektieren ein zweiter Gebäudeteil mit der provisorisch errichteten Kapelle unmittelbar an der Gymnasiumstraße bezogen werden konnte; die konkreten Pläne für eine größere Kapelle an der Stelle der zerstörten waren zwar schon fertig ausgearbeitet, doch der Bischof hatte bestimmt, mit deren Bau erst zu beginnen, wenn die Zahl der Schwestern auf 20 angestiegen sei – was bekanntlicherweise nie eingetreten ist. Mit derselben Auflage erlaubte er auch nur noch einmal in der Woche die früher so selbstverständliche Nachtanbetung, um die Kräfte der zumeist älteren Schwestern zu schonen.
Der Bau eines dritten Gebäudeteils in der Emmeransstraße begann nach der 100-Jahrfeier des Klosters der Ewigen Anbetung (die Mainzer sprechen seit der Kriegszeit überwiegend nur noch von der »Ewigen Anbetung«), 1965 wurde dieses vom Bischöflichen Ordinariat errichtete Gebäude von Bischof Hermann Kardinal Volk eingeweiht; nun war die seit 1952 wieder betriebene Hostienbäckerei endlich in größeren und besser geeigneten Räumen untergebracht.

An die letzte größere Bau- bzw. Umbauphase können sich sicherlich noch viele erinnern, sie erfolgte erst 1996, als statt des ursprünglich geplanten Kapellenneubaus die provisorische Kapelle völlig umgebaut, der Pfortenbereich erweitert und feierlich von unserem Bischof Karl Kardinal Lehmann eingeweiht wurde.

So weit die äußeren Fakten des Neuanfangs.
Und wie entwickelte sich die kleine Gemeinschaft selbst weiter?


Zahlenmäßig pendelte sich die »Ewige Anbetung« zwischen zehn und zwölf Schwestern ein. Ihre Hauptaufgabe war und ist nach wie vor der Anbetungsdienst, bis 1999 war daneben die Hostienbäckerei eine Hauptbeschäftigung, die jedoch schweren Herzens wegen nachlassender Kräfte aufgegeben werden musste.

An der Pforte gibt es jedoch weiterhin die Abholmöglichkeit von anderweitig erworbenen Hostien für die Pfarreien aus der Umgebung, daneben auch ein Sortiment von selbst hergestellten Rosenkränzen sowie von handverzierten Kerzen.

Dass der Schwerpunkt der Anbetungsschwestern eindeutig auf der Kontemplation liegt, wird auch dadurch deutlich, dass sich die Schwestern 1968 im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dessen Forderung zur Überarbeitung und Neufassung der Ordensgesetze einstimmig für einen Übertritt in den Zweiten Orden, und zwar den Ordenszweig der Klarissen-Kapuzinerinnen, entschieden und ihre Gelübde noch einmal auf die Regel der heiligen Klara abgelegt haben – der Ordensstifterin, die sie neben dem heiligen Franziskus schon immer sehr in Ehren gehalten haben. Von daher verwundert es nicht, dass die neue Kapelle seit 1996 den Namen »Kapelle St. Klara« trägt und die große Heilige sowohl an der Außenwand als auch seit November 2009 im Innenraum auf Glas zu sehen ist.
So setzt das »Kloster der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung« das Traditionserbe der zwei untergegangenen Mainzer Klarissenklöster fort und weiß sich der Botschaft der heiligen Klara nach wie vor verpflichtet, die ja keine andere ist als die des heiligen Franziskus: dem armen, gekreuzigten Christus nachfolgen und sein heiliges Evangelium beobachten und dabei unerschütterlich an der Armut festhalten.

Und heute, im Jubiläumsjahr 2010? Zehn frohe Klara-Töchter feiern mit dankbarem Herzen das 150-jährige Klosterjubiläum. Darunter befindet sich eine Novizin, eine Schwester hat genau vor einem Jahr ihre Feierlichen Gelübde abgelegt, drei der Schwestern waren im Jubiläumsjahr 1960 gemeinsam im Noviziat, deren Novizenmeisterin darf glücklich auf 65 Klosterjahre zurückschauen, und allesamt sind »angeführt« von einer umsichtigen und agilen Äbtissin. Viele Umstände des klösterlichen Lebens mögen sich in den vergangenen 150 Jahren verändert haben. So zum Beispiel die Gesprächsmöglichkeiten der ungezählten Gruppen in den frei gewordenen Räumen der ehemaligen Hostienbäckerei oder die persönliche geistliche Begleitung suchender Menschen im Sprechzimmer oder die Radiomitarbeit bei Radio Horeb oder die Mitwirkung beim 93. Deutschen Katholikentag in Mainz bzw. beim Weltjugendtag in Köln gemeinsam mit den Kapuzinern oder die Nutzung moderner Medien, die eine einfachere Kommunikation und flinkere Büroarbeit ermöglicht, oder der Einsatz auch anderer Instrumente neben der traditionellen Orgel bei den Gottesdiensten (was im alten »Klösterchen« völlig undenkbar war) oder die Öffnung der Trennwand zwischen Schwestern und mitfeiernden Gläubigen bei den täglichen Eucharistiefeiern und den gemeinsam gesungenen Vespern oder das Treffen anderer Klarissen bzw. Schwestern aus dem Bistum bei Weiterbildungsveranstaltungen …
Doch die Lebensmitte der Schwestern ist über all die Jahre immer dieselbe geblieben: ER, unser Herr und Heiland, verborgen im Brot, um dessentwillen jede Einzelne alles verlassen hat, um »in der Kirche Gehilfinnen Gottes und Stütze ihrer gebrechlichen Glieder sein zu können«, so wie es die heilige Klara selbst ausgedrückt hat.

Und wenn Sie sich einmal persönlich auf die Spuren der heiligen Klara in Mainz begeben wollen, dürfen Sie nach dem eingangs beschriebenen Rundgang herzlich gerne in der Gymnasiumstraße 7 bei IHM einkehren, den alle drei Klara-Statuen so behutsam in der Hand halten, IHN, der Tag für Tag in der Kapelle St. Klara gegenwärtig ist inmitten einer Monstranz. Und wenn es Ihnen nicht möglich sein sollte, so seien Sie gewiss: Die Schwestern, die hier zu Hause sind, tragen immer die ganze Welt im Herzen – auch Sie!

Mainzer Reichklarakloster 1272-1782/82
Klara-Figur an der Außenwand der ehemaligen Reichklara-Kirche
Mainzer Armklarakloster 1620-1802
Klara-Figur am Portal des ehemaligen Armklara-Klosters
Kloster der Ewigen Anbetung im Jahre 2010
Klara-Figur an der St. Klara-Kapelle ("Ewige Anbetung")
die drei Gründerinnen des Klosters der Ewigen Anbetung (1860)
Sr. M. Aloisia,   Mutter M. Mechthildis,  Sr. M. Franziska
1. Klosterkapelle, 1867 von Bischof W. E. von Ketteler eingeweiht
Ewige Anbetung in der ersten, neugotischen Klosterkapelle
Kloster der Ewigen Anbetung vor dem Zweiten Weltkrieg
Klosterfassade und Klosterkapelle  ca. 1939
Fabrikarbeit im Kloster während des Zweiten Weltkrieges
die Anbetungsschwestern fertigen im Kloster Dochthalter
vor der ausgebombten Klosterkapelle und der Klosterruine in der Gymnasiumstraße
die Überlebenden beraten über den Wiederaufbau
1. und 2. Bauabschnitt des wiederaufgebauten Klosters (ca.1958)
Sr. M. Konrade im Garten vor dem wiederaufgebauten Kloster
Novizinnen im Jubiläumsjahr 1960
Sr. M. Bernadette, Sr. M. Cäcilia, Sr. M. Mechthildis vor dem großen Schwesterngrab
der Schwesternkonvent im Jubiläumsjahr 2010
die zehn Anbetungsschwestern vor der Doppelmadonna des "alten Klosters"